Geschichte & Kultur · 7 Min. Lesezeit
Von der Nachthexe zur Neurowissenschaft: die Geschichte der Schlaflähmung
Lange vor dem EEG hatten Kulturen weltweit bereits Namen für das Aufwachen ohne sich bewegen zu können. Ihre Geschichten beschreiben dieselbe Physiologie in anderen Worten.
Kurz gefasst
Lange bevor jemand Hirnwellen messen konnte, wachten Menschen bereits gelähmt und verängstigt auf und brauchten eine Erklärung dafür. Fast jede Kultur erfand eine Gestalt, die Schlafende nachts besucht: etwas, das sich auf die Brust setzt oder drückt, während der Körper sich weigert, sich zu bewegen.
In Neufundland heißt diese Gestalt 'Old Hag', wonach die gesamte Erfahrung ihren englischen Namen 'hag-ridden' erhielt. Das Wort 'nightmare' (Albtraum) selbst stammt aus dieser Tradition. Die germanische 'Mahr' war ein Geist, der sich angeblich auf die Brust eines Schlafenden setzte und schlechte Träume sowie ein erdrückendes, atemloses Gefühl verursachte - eine Beschreibung, die fast perfekt zu einer modernen Schlaflähmung-Episode passt.
In Japan heißt dieselbe Erfahrung Kanashibari, was so viel bedeutet wie 'in Metall gebunden', und beschreibt das Gefühl, von einer unsichtbaren Kraft festgehalten zu werden. In Brasilien erzählt die Folklore von der Pisadeira, einer alten Frau, die auf die Brust jener tritt, die mit vollem Magen schlafen. In Teilen Ägyptens wurde Schlaflähmung historisch Dschinn zugeschrieben, Geistern, die nachts angreifen; eine Studie von 2013, die Dänemark und Ägypten verglich, ergab, dass die Erfahrung selbst in beiden Ländern gleich häufig war, ihre kulturelle Deutung sich jedoch stark unterschied.
Auch Ärzte bemerkten das Muster. 1664 veröffentlichte der niederländische Arzt Isbrand van Diemerbroeck eine der frühesten klinischen Beschreibungen des Phänomens und dokumentierte einen Fall, den er 'Incubus, oder der Nachtmahr' nannte - und trennte damit das körperliche Geschehen bereits von rein übernatürlichen Erklärungen, obwohl er übernatürliche Sprache zur Benennung nutzte.
Die Bildsprache erreichte 1781 die bildende Kunst, als der schweizerisch-britische Maler Henry Fuseli 'Der Nachtmahr' ausstellte: eine schlafende Frau mit einem dämonischen Incubus, der auf ihrer Brust kauert. Das Gemälde wurde zu einer der berühmtesten Darstellungen dieser Empfindung und taucht bis heute auf, sobald über Schlaflähmung gesprochen wird.
Die Verbindung zwischen diesen nächtlichen Erscheinungen und echten Hexereivorwürfen ist gut dokumentiert. Der Historiker Owen Davies zeichnete in einem vielzitierten Artikel von 2003 in der Zeitschrift Folklore nach, wie Albtraumerfahrungen und Schlaflähmung zu Hexereivorwürfen im frühneuzeitlichen Europa beitrugen, da sich Betroffene tatsächlich von einer bösartigen Präsenz angegriffen fühlten, während sie sich nicht bewegen oder rufen konnten.
Die moderne Wende kam vom Folkloristen David Hufford, dessen Buch 'The Terror That Comes in the Night' von 1982 Berichte aus verschiedenen Kulturen verglich und argumentierte, dass eine konsistente körperliche Erfahrung diesen sehr unterschiedlichen Legenden zugrunde liegt. Die EEG- und REM-Schlafforschung des 20. Jahrhunderts lieferte dann den fehlenden Mechanismus und zeigte, dass das Bewusstsein zurückkehren kann, bevor die Muskelatonie endet. Die Nachthexe, die Mahr, Kanashibari und die Dschinn erwiesen sich als dieselbe Geschichte, erzählt in verschiedenen Sprachen, über dieselbe gewöhnliche Eigenart des schlafenden Gehirns.
- Fast jede Kultur hat einen alten Namen für Schlaflähmung, von der Old Hag über Kanashibari bis zur Pisadeira.
- Das Wort 'nightmare' stammt selbst von einem Geist, von dem man glaubte, er setze sich auf die Brust eines Schlafenden.
- EEG- und REM-Forschung des 20. Jahrhunderts erklärte endlich, was Folklore jahrhundertelang beschrieben hatte: überall dieselbe Physiologie.
Quellen & weiterführende Literatur
Links zu begutachteter Forschung und anerkannten medizinischen Organisationen.
- The Nightmare Experience, Sleep Paralysis, and Witchcraft Accusations
Folklore, 2003
- Rates and characteristics of sleep paralysis in the general population of Denmark and Egypt
Culture, Medicine and Psychiatry, 2013
- A clinician's guide to recurrent isolated sleep paralysis
Neuropsychiatric Disease and Treatment, 2016
- Sleep Paralysis
American Academy of Sleep Medicine
- Sleep paralysis
NHS